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Neubau, Umbau & Sanierung

Hoch über der Stadt

Der Tübinger Bergfriedhof und die Waldkapelle werden 70

02.10.2020
Der Tübinger Bergfriedhof „thront“ seit 1950 als Hauptfriedhof auf dem Galgenberg. Aus diesem Grund wurde anlässlich des Jubiläums Granitsessel mit geschichtlichen Informationen zum Bergfriedhof bei der Großen Trauerhalle aufgestellt – zur Freude von Miriam Ibrahimovic, Leiterin der kommunalen Servicebetriebe Tübingen, Bernd Walter, Bereichsleiter Friedhofswesen, sowie Oberbürgermeister Boris Palmer. Bild: Anne Faden

Der Tübinger Bergfriedhof „thront“ seit 1950 als Hauptfriedhof auf dem Galgenberg. Aus diesem Grund wurde anlässlich des Jubiläums Granitsessel mit geschichtlichen Informationen zum Bergfriedhof bei der Großen Trauerhalle aufgestellt – zur Freude von Miriam Ibrahimovic, Leiterin der kommunalen Servicebetriebe Tübingen, Bernd Walter, Bereichsleiter Friedhofswesen, sowie Oberbürgermeister Boris Palmer. Bild: Anne Faden

Es ist der drittschönste Friedhof Deutschlands: Diese Auszeichnung erhielt der Tübinger Bergfriedhof vor wenigen Jahren. Jetzt wird er 70 Jahre alt. Als Tübinger Hauptfriedhof löste er am 16. Juli 1950 den Stadtfriedhof ab.

Steinwerk Anja Schweizer Metzingen

Zur Eröffnung vor 70 Jahren wurde die Waldkapelle „unter sehr großer Anteilnahme von örtlichen Vereinen und der Bevölkerung“ feierlich eingeweiht, begleitet vom Glockengeläut aller Tübinger Kirchen. Die Pläne für eine Begräbnisstätte auf dem Galgenberg reichen noch weiter zurück – bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. 1944 wurde es zunehmend schwieriger, geeignete Grabstätten für die Kriegstoten auf den vorhandenen Friedhöfen zu finden. Deshalb musste der neue Friedhof im letzten Kriegsjahr schnell angelegt werden. Bereits 14 Tage nach Ausweisung der Fläche fand die erste Beerdigung statt. 410 gefallene Soldaten und 14 zivile Kriegsopfer aus den Lazaretten fanden bis 1948 im Eichen-Buchen-Mischwald ihre letzte Ruhestätte. Erst 1952 wurde das Gräberfeld abschließend gestaltet. Einfache kleine Steinkreuze unter den großen Bäumen gegenüber der Friedhofskapelle zeugen von diesem ersten Gräberfeld auf dem Bergfriedhof.

Die Waldkapelle hingegen wurde nicht mehr genutzt und geriet zunehmend in Vergessenheit. Erst 2007 wurde sie aus ihrem fast 40-jährigen Dornröschenschlaf geweckt und dient seither wieder mit ihren rund 40 Sitzplätzen für Trauerfeiern und Beerdigungen.

2005 zog auch die Friedhofsverwaltung auf den Galgenberg und ist seither gegenüber des Haupteingangs zu finden

Seit 2003 wurden zwölf Gemeinschaftsgrabstätten angelegt, darunter der „Fluss der Zeit“, „Mein letzter Garten“, der Baumbeisetzungshain „Buchengrund“ und der „Rosengarten“. Einige sind für Urnen, andere für eine Erdbestattung ausgelegt. Die Namen der Verstorbenen können auf einer gemeinschaftlichen Stele aufgeführt werden, doch auch anonyme Bestattungen sind auf Wunsch möglich. Die Pflege während der 20-jährigen Ruhezeit übernimmt in diesen Fällen die Stadt. Seit 2019 kann man sich auch auf dem TübingerBergfriedhoffürWaldgräber oder ein Einzelbaumgrab entscheiden.

Der schöne Baum- und Gehölzbestand sowie die vielfältige Vogel- und Pflanzenwelt verleihen dem Bergfriedhof einen ganz eigenen, parkartigen Charakter. Eingebettet in die Streuobstwiesen auf dem Galgenberg, dient er nicht nur den Trauernden, sondern auch vielen Erholungssuchenden als Ziel.

„Ein wichtiger, besonderer und schöner Ort“

Hat sich die Friedhofskultur verändert? Was macht den Bergfriedhof zu einem besonderen Ort? Bernd Walter, der Tübinger Bereichsleiter Friedhofswesen, erzählt.

Auf dem Tübinger Bergfriedhof gibt es zahlreiche Bestattungsmöglichkeiten. Vielfach nachgefragt sind die Gemeinschaftsgrabanlagen wie zum Beispiel der „Fluss der Zeit“ oder „Mein letzter Garten“. Auch Einzelbaumbestattungen und Waldgräber sind seit 2019 möglich. In Familiengräbern können bis zu sechs Familienangehörige ihre letzte Ruhestätte finden. In der großen Trauerhalle finden seit 1969 auch große Trauergemeinschaften Platz. Bilder: Friedhofsverwaltung Tübingen

Auf dem Tübinger Bergfriedhof gibt es zahlreiche Bestattungsmöglichkeiten. Vielfach nachgefragt sind die Gemeinschaftsgrabanlagen wie zum Beispiel der „Fluss der Zeit“ oder „Mein letzter Garten“. Auch Einzelbaumbestattungen und Waldgräber sind seit 2019 möglich. In Familiengräbern können bis zu sechs Familienangehörige ihre letzte Ruhestätte finden. In der großen Trauerhalle finden seit 1969 auch große Trauergemeinschaften Platz. Bilder: Friedhofsverwaltung Tübingen

Herr Walter, welche Bestattungsform wird heute bevorzugt?

Im letzten Jahr war das Verhältnis Urnenbeisetzung zu Erdbestattung in Tübingen etwa 61 zu 39 Prozent. Früher war das Verhältnis genau umgekehrt. Aber auch viele Familiengräber werden nachgefragt, bei denen in einer einfachbreiten Erdgrabstätte bis zu sechs Familienangehörige bestattet werden können (zwei Sargplätze übereinander und vier Urnenplätze). Dies erleichtert auch die Grabpflege für Angehörige. Rund 20 Prozent der jährlichen Sterbefälle in Tübingen gehen in die Gemeinschafsgrabstätten.

Was hat sich verändert?

Insgesamt hat sich wohl in den vergangenen 20 Jahren mehr in der Friedhofslandschaft verändert und getan, als in den 100 Jahren zuvor. Man ist als Angehöriger mit einer Urne nicht mehr an den herkömmlichen Friedhof gebunden. Alternative Möglichkeiten bieten sich in privaten Friedwäldern oder Ruheforsten und auf Almwiesen. Auch die Möglichkeit der Seebestattung wird immer wieder gewünscht. Auch sind viele Angehörige heute mobiler und mitunter auf der ganzen Welt verstreut oder sie sind alt und Grabpflege nicht mehr selber leisten. Viele Menschen haben keine Angehörigen mehr. Der Friedhof ist vielen auch nicht mehr so wichtig zum Trauern wie früher – jetzt gibt es Internetportale, Gedenkseiten und so einiges mehr. Doch ich finde, dies kann den originären Ort nicht ersetzen.

1950 wurde die heutige Waldkapelle unter großer Anteilnahme der Tübinger Vereine und der Bevölkerung eingeweiht. Mit dem Neubau der großen Trauerhalle geriet sie für rund 40 Jahre in Vergessenheit. Seit 2007 ist sie wieder für Trauerfeiern hergerichtet und wird gerne genutzt. Für viele Tübinger ist der Bergfriedhof nicht nur ein Ort der Toten, sondern auch eine Oase der Ruhe und der Besinnung mitten in der Natur. Dafür, dass Flora und Fauna ideale Bedingungen vorfinden, sorgen zahlreiche Beteiligte von den Angehörigen über die Gärtner bis hin zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung. Bilder: Friedhofsverwaltung Tübingen
1950 wurde die heutige Waldkapelle unter großer Anteilnahme der Tübinger Vereine und der Bevölkerung eingeweiht. Mit dem Neubau der großen Trauerhalle geriet sie für rund 40 Jahre in Vergessenheit. Seit 2007 ist sie wieder für Trauerfeiern hergerichtet und wird gerne genutzt. Für viele Tübinger ist der Bergfriedhof nicht nur ein Ort der Toten, sondern auch eine Oase der Ruhe und der Besinnung mitten in der Natur. Dafür, dass Flora und Fauna ideale Bedingungen vorfinden, sorgen zahlreiche Beteiligte von den Angehörigen über die Gärtner bis hin zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung. Bilder: Friedhofsverwaltung Tübingen

Wie wurde seitens der Friedhofsverwaltung darauf reagiert?

Seit 2003 gestalten und bauen wir unsere zwischenzeitlich elf pflanzlich gestalteten Themengärten, die zum einen von der Pflege entpflichten und durch Sitzbereiche Orte auf dem Friedhof schaffen, die den Angehörigen gut tun und die Aufenthaltsqualität auch für andere Besucher schaffen. Bereits 2007 wurde die kleine, heimelige Waldkapelle wieder restauriert und eröffnet. Auch damit haben wir einem gesellschaftlichen Wandel früh Rechnung getragen.

Wer darf sich auf dem Bergfriedhof bestatten lassen?

Alle Tübinger Bürgerinnen und Bürger. Die Friedhofsverwaltung kann aber auch Ausnahmen zulassen, wenn ein Bezug zu Tübingen da ist oder Angehörige hier wohnen oder andere nachvollziehbare Bezüge da sind.

Welche Möglichkeiten haben Angehörige, ein Grab zu gestalten?

Viele Gräber werden im Auftrag der Angehörigen durch die privaten Tübinger Friedhofsgärtner gestaltet. Mindestens 50 Prozent müssen bepflanzt sein. Es soll so der Versiegelung entgegengewirkt werden. Wir sehen ja gerade in den letzten Jahren, wie lebenswichtig Pflanzungen für unsere Bienen und andere wichtige Kleintiere sind.

Welche Bedeutung hat der Bergfriedhof als Naherholungsgebiet?

Der Bergfriedhof hat mit seinen 15,4 Hektar Fläche, die zum großen Teil mit einem wertvollen und alten Baumbestand überstanden sind, eine hohe Aufenthaltsqualität für Trauernde aber auch für viele Besucher, die hier spazieren gehen, ohne hier ein Grab zu haben. Hier lebt eine Vielzahl von Tier- und Vogelarten. Wir lassen Totholztorsos von Bäumen stehen für Spechte, Käfer, Kleintiere und haben viele Nistkästen aufhängen lassen.

Gibt es auf dem Bergfriedhof besonders schöne Ecken?

Es gibt viele schöne Ecken. „Mein letzter Garten“ in Abteilung 55 des Bergfriedhofs zum Beispiel oder der „Fluss der Zeit“ in Abteilung 51. Aber auch ein Lapidarium mit alten Grabsteinen vom Haupteingang hin zur Waldkapelle mit interessanten Grabmalen wird ständig erweitert. Der Friedhof lebt aber von der Gesamtheit aller Bausteine und von den verschiedenen Beteiligten, angefangen mit den Angehörigen über die privaten Gärtner, Steinmetze, die Friedhofsmitarbeiter bis hin zu den Baumpflegern und vielen weiteren Beteiligten.


Der Bergfriedhof ist für mich ein wichtiger, besonderer und schöner Ort, an dem ich auch selbst gerne einmal begraben werden möchte.

Bernd Walter Bereichsleiter Friedhofswesen


Was bedeutet der Bergfriedhof für Sie selbst?

Der Bergfriedhof ist für mich ein wichtiger, besonderer und schöner Ort, an dem ich auch selbst gerne einmal begraben werden möchte. Er ist eine großartige städtische Grünfläche, die noch sehr viel Potential bietet, behutsam weiterentwickelt zu werden. Und er ist ein besonderer Ort, den viele Tübingerinnen und Tübinger aufgrund der großen räumlichen Distanz und auch der immer noch vorhandenen großen Distanz vieler zum Thema Tod nicht kennen oder gerade deshalb noch nicht besucht haben.

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